Wir freuen uns auf die erste Einzelausstellung von Anna Schachinger (*1990, Wien) in Frankfurt/Main.
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Anna Schachinger
Freischling
“ […] natures, cultures, subjects, and objects do not preexist their intertwined worldings”
Donna Haraway[1]
Anna Schachingers Malereien behaupten keine Autonomie. Vielmehr verweisen ihre Materialität und Beschaffenheit wie auch ihre Sujets auf die Bedingungen des eigenen Entstehens. Sie setzen sich in Verbindung mit ihrer Umgebung, sowohl jener, der sie entspringen, als auch jener, in der sie präsentiert werden. Dass die Ausstellung den Namen jenes österreichischen Dorfes trägt, in dem die Künstlerin die gezeigten Arbeiten malte, verwundert also nicht. Wie treffend dieser Name, Freischling, jenseits seiner geographischen Bedeutung auch semantisch für die Praxis Schachingers erscheint, mag dagegen ein Zufall sein. Gleich einem Oxymoron verbinden sich in ihm zwei vermeintliche Antagonisten: Frei und Schling, was an eine Schlinge denken lässt – Freiheit und Gebundenheit.
Dieser liminale Zustand, das Dazwischen, schwebt wie ein Leitmotiv über den Arbeiten. Scheinbar mühelos changieren sie zwischen Abstraktion und Figuration, Improvisation und Intentionalität, überschreiten mitunter die Grenzen des eigenen Rahmens und verweigern sich ebenso entschieden einer klaren Kategorisierung wie einer binären Logik oder linearen Narration: Die sich überlagernden Linien und Flächen der Malereien, deren teils lasierender Farbauftrag die darunterliegenden Schichten offen- oder durchscheinen lässt, verbinden sich zu immer neuen Konstellationen, scheinen permanent im Fluss und implizieren die Gleichzeitigkeit verschiedener Darstellungen, als wollten sie sich nicht auf ein einziges Bild, eine einzige Wahrheit festlegen. Ein schwungvoller, mitunter grafisch oder ornamental anmutender Tinten- oder Pinselstrich überzieht flächige Formen und Hintergründe, die gänzlich ohne räumliche Perspektive auskommen und deren Farbauftrag immer auch der Symbiose mit der Stofflichkeit des Trägermaterials entspringt. Meist handelt es sich hierbei um Textilien und Kleidungsstücke aus dem privaten Gebrauch der Künstlerin. Einige von ihnen tragen bereits vor ihrer Umnutzung Farbreste, andere färbt Schachinger mit Tinte ein, bevor sie sie auf den Keilrahmen spannt. Ihre künstlerische Sprache entwickelt sich so immer auch aus dem Prozess, dem Material selbst und ihrer eigenen Experimentierfreudigkeit.
Diese Verspieltheit spiegelt sich gleichsam in der Wahl der Motive: Da gibt es etwa die Kleine Hexe mit erschöpfter Waldfee (2025), ein Motiv, das wiederholt in Schachingers Arbeiten zu finden ist und dessen widerständiges Potenzial, insbesondere innerhalb emanzipatorischer Diskurse, sich nicht von der Hand weisen lässt. Tanzen gehen (2025), Zehenspitzen (2025) und Vornüber (2025) suggerieren Leichtigkeit und unbekümmerte körperliche Bewegung, während andere Arbeiten wie Nasenspitzen (mit Fenja) (2025) oder Auf Augenhöhe (2025) Momente unbefangener Intimität und menschlicher Koexistenz zeigen. Auch das für die Schaffensperiode so zentrale ländliche Umfeld spiegelt sich, etwa im Falle von Wollmispeln (2023), in nahezu naturalistischen Darstellungen von Natur und Tieren, während Arbeiten wie Grind (2023) gänzlich gen Abstraktion streben und Schachingers Lust am Material und am Ausreizen der Grenzen ihres Mediums offenbaren.
So viel zur Freiheit. Trotz aller Anarchie negieren Schachingers Arbeiten jedoch nie den Kontext ihrer Gemachtheit. Die Frage, welche Materialien gerade zur Verfügung stehen, sowie die Situiertheit der Künstlerin in ihrer Umgebung und der Gesellschaft allgemein nehmen direkten Einfluss auf Form und Motiv. Entscheidungen wie etwa, Stoffreste persönlicher Kleidungsstücke als Bildträger zu nutzen und diese zusammenzuflicken, sollten sie den Keilrahmen nicht in Gänze umspannen, die mitunter aus einer spontanen Laune oder purem Pragmatismus heraus getroffen werden, unterwandern die auratische Aufladung des Mediums Malerei. Der Wahl „prekärer“ Materialien aus dem häuslichen Kontext lässt sich angesichts der Geschichte feministischer Kunst eine politische Implikation jenseits dieser formalen Dekonstruktion und Demokratisierung ebenso nicht gänzlich in Abrede stellen. Die Entscheidung jedoch auf konzeptuelles Kalkül zu reduzieren, würde Schachingers Arbeit nicht gerecht werden: Nicht strategisch erscheint sie, vielmehr intuitiv. Gleich einer Membran – zwischen innen und außen, Vergangenheit und Gegenwart – absorbieren die Träger ihr Umfeld, treten in Reaktion und Austausch. Sie markieren keine Grenze, sondern Verbindung. Stets verweist ihre Beschaffenheit so auf die eigene Zeitlichkeit und Vergänglichkeit und verleiht den Arbeiten eine nahezu körperliche Präsenz.
Text: Anna Helena Marckwald
[1] Haraway, Donna: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham, NC: Duke University Press 2016, S. 13
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Anna Schachinger (*1990, lebt und arbeitet in Wien)
2012 – 2018 Akademie der bildenden Künste, Wien (AT); 2017 maumaus study programme, Lissabon (PT); 2010 – 2012 School of the Art Institute, Chicago (US)
Einzelausstellungen (Auswahl): Céu Limpo, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2024), Wachstumfuge, MQ Art Box, Wien, Gesundheit, Wohlstand, Freude, Encounter Contemporary, Lissabon (2023); Allover, Lumiar Cité, Lissabon, Aneinander, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2022); Disaster!, mit Julia Goodman, SOPHIE TAPPEINER, veranstaltet von der Zahorian & Van Espen Gallery, Prag, im Rahmen von SUMO, Hitze, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2020); Desta Maneira Não, Madragoa ENCIMA, Lissabon, Pensive State mit Irina Lotarevich, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2019); Holderinnen, Brennan and Griffin, New York, Lost in Thoughts, furteen30, Portland (2018); alles, lulu, Mexiko-Stadt (2017).
Gruppenausstellungen: (Auswahl): Future of Melancholia, Museum of Contemporary Art, Belgrad (2025); Gekauft! und dann?, MUSA, Wien (2024); Systems of Support, Salzburger Kunstverein (2023); Anton Faistauer Preis 2023, Traklhaus, Salzburg (2023); Avantgarde und Gegenwart, kuratiert von Luisa Ziaja, Belvedere 21, Wien, A Minor Constellation, Chris Sharp Gallery, Los Angeles (2022); Ernesto de Sousa, Exercises of Poetic Communication with Other Aesthetic Operators, kuratiert von Lilou Vidal, Galeria Quadrum und Avenida da India Gallery, Lissabon, Avant-Garde and the Contemporary, Belvedere 21, Wien, Particularities, X Museum, Peking, Therein / Thereof / Thereto Standard, Oslo (2021); Prince.sse.s des villes, Palais de Tokyo, Paris, La peinture abstraite, La Maison de Rendez-Vous, Brüssel, Gertrude, Loggia, Müncen (2019); Use your Illusion, Herald Street, London (2018).
We are pleased to present Anna Schachinger’s (b. 1990, Vienna) first solo exhibition in Frankfurt am Main.
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Anna Schachinger
Freischling
“ […] natures, cultures, subjects, and objects do not preexist their intertwined worldings”
Donna Haraway[1]
Anna Schachinger’s paintings do not claim autonomy. Rather, their materiality and texture, as well as their subjects, point to the conditions of their own creation. They engage with their surroundings—both the environment from which they emerge and the one in which they are presented. It is therefore not surprising that the exhibition bears the name of the Austrian village where the artist painted the works on display. How apt this name, Freischling, appears semantically for Schachinger’s practice—beyond its geographical meaning—may, however, be a coincidence. Like an oxymoron, it combines two supposed antagonists: Frei and Schling, which brings to mind a noose—freedom and bondage.
This liminal state, this in-between, hovers over the works like a leitmotif. They seem to shift effortlessly between abstraction and figuration, improvisation and intentionality, occasionally transcending the boundaries of their own frames and just as resolutely resisting clear categorization as they do binary logic or linear narration: The overlapping lines and planes of the paintings, whose partially glazed application of paint allows the underlying layers to show through or shine through, combine into ever-changing constellations, seem to be in a state of constant flux, and imply the simultaneity of different representations, as if they did not want to commit to a single image, a single truth. A sweeping, at times graphic or ornamental ink or brushstroke covers flat forms and backgrounds that do entirely without spatial perspective, and whose application of color always arises from a symbiosis with the materiality of the substrate. These are mostly textiles and garments from the artist’s personal use. Some of them already bear traces of color prior to their repurposing; others Schachinger stains with ink before stretching them onto the stretcher frame. Her artistic language thus always evolves from the process, the material itself, and her own enthusiasm for experimentation.
This playfulness is reflected, as it were, in the choice of motifs: there is, for example, Kleine Hexe mit erschöpfter Waldfee / Little Witch with Exhausted Forest Fairy (2025), a motif that recurs in Schachinger’s works and whose subversive potential—particularly within emancipatory discourses—cannot be dismissed. Tanzen gehen / Going Dancing (2025), Toe Tips / Toe Tips(2025), and Vornüber / Leaning Forward (2025) suggest lightness and carefree physical movement, while other works such as Nasenspitzen (mit Fenja) / Nose Tips (with Fenja) (2025) or Auf Augenhöhe / Eye to Eye (2025) depict moments of unguarded intimacy and human coexistence. The rural environment, so central to this creative period, is also reflected—for example, in the case of Falle von Wollmispeln / Wool Medlars (2023)—in nearly naturalistic depictions of nature and animals, while works such as Grind (2023) strive entirely toward abstraction and reveal Schachinger’s delight in the material and in pushing the boundaries of her medium.
So much for freedom. Despite all the anarchy, however, Schachinger’s works never negate the context of their creation. The question of which materials are currently available, as well as the artist’s situatedness within her environment and society at large, directly influence form and motif. Decisions such as using fabric remnants from personal garments as a canvas and patching them together—should they not fully span the stretcher frame—which are sometimes made on a whim or out of pure pragmatism, subvert the auratic charge of the medium of painting. Given the history of feminist art, the choice of “precarious” materials from the domestic context cannot be entirely denied as having political implications beyond this formal deconstruction and democratization. However, reducing this decision to conceptual calculation would not do justice to Schachinger’s work: it does not appear strategic, but rather intuitive. Like a membrane—between inside and outside, past and present—the supports absorb their surroundings, entering into reaction and exchange. They mark not a boundary, but a connection. Their nature thus constantly refers to their own temporality and transience, lending the works an almost physical presence.
Text: Anna Helena Marckwald
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Anna Schachinger (b. 1990, lives and works in Vienna)
Anna Schachinger graduated from the Academy of Fine Arts Vienna and the School of the Art Institute of Chicago, and participated in the maumaus Independent Study Program in Lisbon.
She is currently a professor of Art and Image | Figuration at the Academy of Fine Arts Vienna.
Schachinger’s works are on view in the exhibition “Lives and Works in Vienna,” which opens in April 2026 at the Kunsthalle Wien, and in May 2026 she will present a solo exhibition in the entrance hall of the Austrian Chamber of Labor.
Solo exhibitions (selection): Céu Limpo, SOPHIE TAPPEINER, Vienna (2024), Wachstumfuge, MQ Art Box, Vienna, Health, Prosperity, Joy, Encounter Contemporary, Lisbon (2023); Allover, Lumiar Cité, Lisbon, Aneinander, SOPHIE TAPPEINER, Vienna (2022); Disaster!, with Julia Goodman, SOPHIE TAPPEINER hosted by Zahorian & Van Espen Gallery, Prague as part of SUMO, Hitze, SOPHIE TAPPEINER, Vienna (2020); Desta Maneira Não, Madragoa ENCIMA, Lisbon, Pensive State with Irina Lotarevich, SOPHIE TAPPEINER, Vienna (2019); Holderinnen, Brennan and Griffin, New York, Lost in Thoughts, fourteen30, Portland (2018); alles, lulu, Mexico City (2017).
Group exhibitions (selection): Future of Melancholia, Museum of Contemporary Art, Belgrade (2025); Gekauft! und dann?, MUSA, Vienna (2024); Systems of Support, Salzburger Kunstverein (2023); Anton Faistauer Prize 2023, Traklhaus, Salzburg (2023); Avant-Garde and the Contemporary (c: Luisa Ziaja), Belvedere 21, Vienna, A Minor Constellation, Chris Sharp Gallery, Los Angeles (2022); Ernesto de Sousa, Exercises of Poetic Communication with Other Aesthetic Operators (curated by Lilou Vidal), Galeria Quadrum and Avenida da India Gallery, Lisbon, Avant-Garde and the Contemporary, Belvedere 21, Vienna, Particularities, X Museum, Beijing, Therein / Thereof / Thereto Standard, Oslo (2021); Prince.sse.s des villes, Palais de Tokyo, Paris, La peinture abstraite, La Maison de Rendez-Vous, Brussels, Gertrude, Loggia, Munich (2019); Use your Illusion, Herald Street, London (2018).
[1] Haraway, Donna: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham, NC: Duke University Press 2016, p. 13