ANNA SCHACHINGER
Freischling
March 13 – May 2, 2026
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Anna Schachinger
Freischling
“ […] natures, cultures, subjects, and objects do not preexist their intertwined worldings”
Donna Haraway[1]
Anna Schachingers Malereien behaupten keine Autonomie. Vielmehr verweisen ihre Materialität und Beschaffenheit wie auch ihre Sujets auf die Bedingungen des eigenen Entstehens. Sie setzen sich in Verbindung mit ihrer Umgebung, sowohl jener, der sie entspringen, als auch jener, in der sie präsentiert werden. Dass die Ausstellung den Namen jenes österreichischen Dorfes trägt, in dem die Künstlerin die gezeigten Arbeiten malte, verwundert also nicht. Wie treffend dieser Name, Freischling, jenseits seiner geographischen Bedeutung auch semantisch für die Praxis Schachingers erscheint, mag dagegen ein Zufall sein. Gleich einem Oxymoron verbinden sich in ihm zwei vermeintliche Antagonisten: Frei und Schling, was an eine Schlinge denken lässt – Freiheit und Gebundenheit.
Dieser liminale Zustand, das Dazwischen, schwebt wie ein Leitmotiv über den Arbeiten. Scheinbar mühelos changieren sie zwischen Abstraktion und Figuration, Improvisation und Intentionalität, überschreiten mitunter die Grenzen des eigenen Rahmens und verweigern sich ebenso entschieden einer klaren Kategorisierung wie einer binären Logik oder linearen Narration: Die sich überlagernden Linien und Flächen der Malereien, deren teils lasierender Farbauftrag die darunterliegenden Schichten offen- oder durchscheinen lässt, verbinden sich zu immer neuen Konstellationen, scheinen permanent im Fluss und implizieren die Gleichzeitigkeit verschiedener Darstellungen, als wollten sie sich nicht auf ein einziges Bild, eine einzige Wahrheit festlegen. Ein schwungvoller, mitunter grafisch oder ornamental anmutender Tinten- oder Pinselstrich überzieht flächige Formen und Hintergründe, die gänzlich ohne räumliche Perspektive auskommen und deren Farbauftrag immer auch der Symbiose mit der Stofflichkeit des Trägermaterials entspringt. Meist handelt es sich hierbei um Textilien und Kleidungsstücke aus dem privaten Gebrauch der Künstlerin. Einige von ihnen tragen bereits vor ihrer Umnutzung Farbreste, andere färbt Schachinger mit Tinte ein, bevor sie sie auf den Keilrahmen spannt. Ihre künstlerische Sprache entwickelt sich so immer auch aus dem Prozess, dem Material selbst und ihrer eigenen Experimentierfreudigkeit.
Diese Verspieltheit spiegelt sich gleichsam in der Wahl der Motive: Da gibt es etwa die Kleine Hexe mit erschöpfter Waldfee (2025), ein Motiv, das wiederholt in Schachingers Arbeiten zu finden ist und dessen widerständiges Potenzial, insbesondere innerhalb emanzipatorischer Diskurse, sich nicht von der Hand weisen lässt. Tanzen gehen (2025), Zehenspitzen (2025) und Vornüber (2025) suggerieren Leichtigkeit und unbekümmerte körperliche Bewegung, während andere Arbeiten wie Nasenspitzen (mit Fenja) (2025) oder Auf Augenhöhe (2025) Momente unbefangener Intimität und menschlicher Koexistenz zeigen. Auch das für die Schaffensperiode so zentrale ländliche Umfeld spiegelt sich, etwa im Falle von Wollmispeln (2023), in nahezu naturalistischen Darstellungen von Natur und Tieren, während Arbeiten wie Grind (2023) gänzlich gen Abstraktion streben und Schachingers Lust am Material und am Ausreizen der Grenzen ihres Mediums offenbaren.
So viel zur Freiheit. Trotz aller Anarchie negieren Schachingers Arbeiten jedoch nie den Kontext ihrer Gemachtheit. Die Frage, welche Materialien gerade zur Verfügung stehen, sowie die Situiertheit der Künstlerin in ihrer Umgebung und der Gesellschaft allgemein nehmen direkten Einfluss auf Form und Motiv. Entscheidungen wie etwa, Stoffreste persönlicher Kleidungsstücke als Bildträger zu nutzen und diese zusammenzuflicken, sollten sie den Keilrahmen nicht in Gänze umspannen, die mitunter aus einer spontanen Laune oder purem Pragmatismus heraus getroffen werden, unterwandern die auratische Aufladung des Mediums Malerei. Der Wahl „prekärer“ Materialien aus dem häuslichen Kontext lässt sich angesichts der Geschichte feministischer Kunst eine politische Implikation jenseits dieser formalen Dekonstruktion und Demokratisierung ebenso nicht gänzlich in Abrede stellen. Die Entscheidung jedoch auf konzeptuelles Kalkül zu reduzieren, würde Schachingers Arbeit nicht gerecht werden: Nicht strategisch erscheint sie, vielmehr intuitiv. Gleich einer Membran – zwischen innen und außen, Vergangenheit und Gegenwart – absorbieren die Träger ihr Umfeld, treten in Reaktion und Austausch. Sie markieren keine Grenze, sondern Verbindung. Stets verweist ihre Beschaffenheit so auf die eigene Zeitlichkeit und Vergänglichkeit und verleiht den Arbeiten eine nahezu körperliche Präsenz.
Text: Anna Helena Marckwald
[1] Haraway, Donna: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham, NC: Duke University Press 2016, S. 13
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Anna Schachinger (*1990, lebt und arbeitet in Wien)
2012 – 2018 Akademie der bildenden Künste, Wien (AT); 2017 maumaus study programme, Lissabon (PT); 2010 – 2012 School of the Art Institute, Chicago (US)
Einzelausstellungen (Auswahl): Céu Limpo, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2024), Wachstumfuge, MQ Art Box, Wien, Gesundheit, Wohlstand, Freude, Encounter Contemporary, Lissabon (2023); Allover, Lumiar Cité, Lissabon, Aneinander, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2022); Disaster!, mit Julia Goodman, SOPHIE TAPPEINER, veranstaltet von der Zahorian & Van Espen Gallery, Prag, im Rahmen von SUMO, Hitze, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2020); Desta Maneira Não, Madragoa ENCIMA, Lissabon, Pensive State mit Irina Lotarevich, SOPHIE TAPPEINER, Wien (2019); Holderinnen, Brennan and Griffin, New York, Lost in Thoughts, furteen30, Portland (2018); alles, lulu, Mexiko-Stadt (2017).
Gruppenausstellungen: (Auswahl): Future of Melancholia, Museum of Contemporary Art, Belgrad (2025); Gekauft! und dann?, MUSA, Wien (2024); Systems of Support, Salzburger Kunstverein (2023); Anton Faistauer Preis 2023, Traklhaus, Salzburg (2023); Avantgarde und Gegenwart, kuratiert von Luisa Ziaja, Belvedere 21, Wien, A Minor Constellation, Chris Sharp Gallery, Los Angeles (2022); Ernesto de Sousa, Exercises of Poetic Communication with Other Aesthetic Operators, kuratiert von Lilou Vidal, Galeria Quadrum und Avenida da India Gallery, Lissabon, Avant-Garde and the Contemporary, Belvedere 21, Wien, Particularities, X Museum, Peking, Therein / Thereof / Thereto Standard, Oslo (2021); Prince.sse.s des villes, Palais de Tokyo, Paris, La peinture abstraite, La Maison de Rendez-Vous, Brüssel, Gertrude, Loggia, Müncen (2019); Use your Illusion, Herald Street, London (2018).